Wiens bunte Kultur
Auch jenseits der Einwanderergemeinschaften erfreut sich die Kultur der ZuwanderInnen vermehrter Beliebtheit. Grund genug, sich diese Entwicklung näher anzusehen.

Das Institut mediacult beschäftigt sich seit mehreren Jahrzehnten mit dem Thema der Verbreitung von Information, Unterhaltung und Kultur. In einem aktuellen Forschungsprojekt untersuchte der Leiter des Instituts Andreas Gebesmair mit seinem Team ie türkischen, chinesischen und südasiatischen Kulturunternehmen in Wien. Auch jenseits der Einwanderergemeinschaften erfreut sich die Kultur der ZuwanderInnen vermehrter Beliebtheit. Grund genug, sich diese Entwicklung näher anzusehen. Das Buch dazu: „Randzonen der Kreativwirtschaft“ aus dem LIT Verlag.
Wieso haben Sie die Kultur von ZuwanderInnen als Thema ausgewählt?
Das Institut mediacult forscht seit vielen Jahren im Bereich der Kulturindustrie. Die konkrete Idee zu diesem Schwerpunkt hatte ich in einem China-Restaurant, wo ich Plakate von chinesischen Popstars sah. Ich habe mich gefragt, wie das Kulturleben der chinesischen Community in Wien eigentlich organisiert ist. Plakate von Balkan-Konzerten oder türkischen Partys und Geschäfte mit CDs oder Filmen aus unterschiedlichsten Ländern sieht man immer öfter. Wie diese Industrie funktioniert, weiß man aber nicht. Während der Arbeit haben meine Kolleginnen und Kollegen und ich starke, interessante Menschen kennengelernt, die sich trotz schwieriger Bedingungen nicht unterkriegen lassen.
Warum haben Sie sich auf diese speziellen drei Gruppen von ZuwanderInnen konzentriert?
Die drei von uns untersuchten Communitys unterscheiden sich stark in ihrer Kultur und ihrer Migrationsgeschichte. So wollten wir einen großen Teil der unterschiedlichen Einwanderungshintergründe abdecken. Was aber in der Studie definitiv fehlt ist die Gruppe der ZuwanderInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das wollen wir in einer aktuellen Untersuchung aber nachholen.
Wie hat der Arbeitsablauf bei der Forschungsarbeit ausgesehen?
Zwei Jahre lang haben wir die kulturellen Aktivitäten wie Musik, darstellende Kunst, Film und Medien der türkischen, chinesischen und südasiatischen Community unter die Lupe genommen. Wir haben Material gesammelt, Interviews geführt, interessante Menschen getroffen, fotografiert und gefilmt. Drei NachwuchswissenschafterInnen zum Teil selbst mit Migrationshintergrund haben die Recherchen vor Ort durchgeführt. Der Bogen reichte dabei von Kulturvereinen und religiösen Organisationen über Feste und Aufführungen bis zu CDs, Radio- und Fernsehsendungen und Printmedien.
Was ist für Sie das eindeutigste Ergebnis?
Zwischen Bollywood-Clubbings, chinesischen Konzerten und türkischen Hochzeitssälen hat sich eine lebendige Kulturszene entwickelt, die aus dem Wiener Kulturleben nicht mehr wegzudenken ist. Was schade ist: Der Großteil migrantischer Kulturarbeit wird aber nach wie vor von der Mehrheitsgesellschaft kaum wahrgenommen.
Weshalb ist das so?
Die KulturbetreiberInnen haben einerseits einen schlechteren Zugang zu Förderstrukturen und müssen andererseits den Spagat zwischen der Repräsentation ihres Herkunftslandes und den Anforderungen ihres jetzigen Heimatlandes schaffen. Trotz allem entwickeln sich aber vermehrt Kulturprojekte, die auch finanziell tragfähig sind.
Worin unterscheiden sich die Kulturen?
Wir haben zuerst die klassische „Gastarbeiterkultur“: Allein zehn Hochzeitssäle, die von Türken geführt werden, zeigen, wie wichtig die Festkultur – von Hochzeiten über Themenfeste bis zu Kulturabenden – für die Menschen ist. Aus China kam in den 80er-Jahren – die Ausreisebestimmungen des Landes wurden damals gelockert – eine Gesellschaft zu uns, die sehr stark unternehmerisch aktiv war. Die Menschen waren gut gebildet, viele Geschäftsleute waren dabei. Dem entsprechend hat sich hier viel Hochkultur, also Konzerte und ähnliches, entwickelt. Aus Indien kamen viele Männer mit schlechten Jobs, die vor den ethnischen Konflikten auf der Flucht waren. Außerdem wurden Frauen für den Pflegedienst angeworben. Inder lieben vor allem ihre Filme.
Wie könnte sich die Szene in den kommenden Jahren entwickeln?
Einerseits ist diese Kulturszene sehr lebendig und in Bewegung, andererseits aber auch sehr flüchtig. Ich sehe aber vor allem bei professionellen Angeboten und Ideen sehr viel Zukunftspotenzial.