Ein Lotse auf vier Beinen
Blindenführhunde leisten Beachtliches. Bis zu ihrem ersten Einsatz ist es aber ein langer Weg.
Grundsätzlich können Hunde verschiedener Rassen zu Blindenführhunden ausgebildet werden. Oft entscheiden sich Hundeschulen aber für Labrador oder Golden Retriever, denn sie haben ein sehr ausgeglichenes Gemüt. Und das brauchen Blindenführhunde auch, schließlich dürfen sie sich weder durch Baustellenlärm, noch durch verständnislose PassantInnen aus der Ruhe bringen lassen.
Ob ein Hund geeignet ist, entscheidet sich im Alter von zwölf Monaten. Zunächst muss das Tier eine Reihe von orthopädischen und neurologischen Tests bestehen, bevor ein/-e TrainerIn mit ihm die Arbeit aufnimmt. Die Ausbildung zum Blindenführhund dauert sieben bis neun Monate. In dieser Zeit lernen die Vierbeiner alles, was sie für ihren zukünftigen Dienst brauchen, wie vor Hindernissen und abwärtsführenden Treppen stehen bleiben, aufwärtsführende Treppen durch Hinlegen der Vorderpfote auf die erste Stufe anzeigen oder auf akustische Kommandos hören. Letztere reichen von „voran“ über „links weiter“ und „rechts weiter“ bis hin zu „überqueren“ oder „such Zebrastreifen“. „Insgesamt bringen wir den Hunden zirka 50 Befehle bei“, sagt Karl-Heinz Ferstl, Betreiber der gleichnamigen Führhundeschule in Loipersbach im Burgenland.
Mit dem Stadtleben vertraut machen
Darüber hinaus müssen die Hunde an alle Aspekte des Stadtlebens gewöhnt werden, wie Aufzug fahren, öffentliche Verkehrsmittel benutzen oder durch Menschenansammlungen gehen. Sie lernen auch, Gefahren zu erkennen, und sogar, sich nötigenfalls Kommandos zu widersetzen; etwa eine Straße nicht zu queren, wenn sich ein Fahrzeug nähert. „Genauso wichtig wie das Verhalten des Hundes im Dienst ist aber auch sein Verhalten in der Freizeit“, sagt Ferstl. Wenn man den Hund im Park von der Leine nimmt und ihn mit anderen Hunden spielen lässt, muss er auf Zuruf verlässlich wiederkommen. Und wenn man ihn im Wartezimmer einer Arztpraxis zurücklässt, muss er sicher noch da sein, wenn man aus dem Behandlungsraum zurückkehrt.
Am Ende seiner Ausbildung in der Hundeschule steht für den Hund eine Prüfung vor einer Kommission des Sozialministeriums an. Wenn er die besteht, kann er als Blindenführhund vermittelt werden. Sein/-e zukünftige/-r HalterIn durchläuft mit dem Tier anschließend ein weiteres, zirka dreimonatiges Training. Dabei werden die zwei von dem/der HundetrainerIn unterstützt. Wenn HalterIn und Hund aufeinander gut abgestimmt sind, kann man dem Hund auch sehr komplexe Abläufe beibringen, wie den Weg zum Arbeitsplatz der Halterin bzw. des Halters finden. Es reicht ein Kommando und der Hund führt zur Wohnungstür, raus auf die Straße, zur U-Bahn-Station, in einem Waggon zu einem freien Sitzplatz, steigt bei der richtigen Haltestelle aus, führt zur Firma und rein ins Büro.
Tierliebe vorausgesetzt
Am Ende des gemeinsamen Trainings treten Hund und HalterIn schließlich zu einer gemeinsamen Prüfung an, wieder vor einer Kommission des Sozialministeriums. Wenn sie die bestehen, gelten sie als anerkanntes Führgespann und der Hund darf in der Öffentlichkeit das weiße Führgeschirr tragen. Dieses gilt als offizielles Verkehrszeichen und verpflichtet alle VerkehrsteilnehmerInnen zu besonderer Rücksicht. Ein Blindenführhund kostet mindestens 23.000 Euro. Wie viel die öffentliche Hand übernimmt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
„Idealerweise wird die Anschaffung zu 70 bis 80 Prozent gefördert“, erklärt Beate Krames, Leiterin der Fachgruppe „Blindenführhunde“ im Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverband. „Aber selbst in Fällen, in denen gar keine Förderung möglich war, haben wir bis jetzt immer eine Lösung gefunden.“ Dann bemüht sich Krames um Spendengelder. Ob man sich für einen vierbeinigen Lotsen entscheidet, sollte also nicht von finanziellen Erwägungen abhängen. „Sehr wohl aber davon, ob man der Typ dafür ist“, betont Krames. „Ein Blindenführhund ist und bleibt nun mal ein Hund. Da braucht es schon eine gewisse Tierliebe.“