Gesunde Hunde im Dienst des Menschen
Nach dem orthopädisch optimalen Führgeschirr für Blindenführhunde forschten Christian Peham und sein Team an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.
Im Labor filmte Christian Peham Blindenführhunde beim Ausführen typischer Bewegungen – wie Hindernissen ausweichen.
Forschen & Entdecken: Sie kommen ja eigentlich aus der Technik. Hat man es als Nicht-Mediziner auf der Vetmed schwerer?
Christian Peham: Nein, natürlich nicht. Auch hier werden Techniker gebraucht. Das Projekt „Blindenführhunde“ ist dafür der beste Beweis.
Worum geht es bei dem Projekt?
Wir haben in einem zweijährigen Versuch die Bewegungsabläufe von Blindenführhunden analysiert. Dazu wurden die Tiere beim Ausführen typischer Bewegungen gefilmt. Mit einem Computer haben wir aus den Aufnahmen anschließend die Bewegungsdaten der Hunde extrahiert.
Wie kann man sich das vorstellen?
Wir haben die Hunde Stufen steigen, Hindernissen ausweichen, links/rechts abbiegen und geradeaus gehen lassen. Die Stelle des Blinden hat ein Tiertrainer eingenommen. Und alle Übungen wurden mit drei verschiedenen Führgeschirrmodellen mehrmals wiederholt.
Und wie kamen die Daten in den Computer?
Am Hund, dem Tiertrainer und dem Führgeschirr haben wir reflektierende Marker-Kugeln angebracht. Wenn man die Aufnahmen dann in einen Computer speist, kann ein spezielles Programm die Kugeln vom Rest des Bildes unterscheiden und so den Bewegungsablauf „herauslesen“.
Braucht man für diese Methode spezielle Kameras?
Ja, wir haben zehn Hochgeschwindigkeitskameras verwendet.
Warum Hochgeschwindigkeitskameras?
Je mehr Bilder pro Sekunde eine Kamera macht, desto exakter wird der Fluss der Bewegungen. Unsere Kameras machen 120 Bilder pro Sekunde, fünf Mal so viele wie eine übliche Fernsehkamera.
Und warum zehn Stück?
Weil wir für eine korrekte räumliche Erfassung möglichst viele Perspektiven brauchen. Angefangen haben wir mit zwei Kameras. Aber dank der Unterstützung des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds konnten wir unsere Ausrüstung auf zehn Stück aufstocken.
War die Bewegungsanalyse der einzige Aspekt ihrer Forschung?
Nein, parallel dazu haben wir auch den Druck gemessen, der durch das Führgeschirr auf den Brustkorb des Hundes appliziert wird. Dazu haben wir Drucksensoren an die Innenseite der Führgeschirre geklebt.
Und was haben Ihre Untersuchungen ergeben?
Man kann sagen, dass der Knackpunkt bei den Führgeschirren die Anbringung des Führbügels am Brustgurt ist. Je steifer die ist, desto stärker ist der Druck, der auf den Brustkorb des Hundes wirkt und desto stärker verdreht sich seine Wirbelsäule.
Was heißt das für den Hund?
Dass das Risiko von orthopädischen Problemen steigt. Vor allem Verspannungen im Bereich der Wirbelsäule zwingen Blindenführhunde oft in die „Frühpension“.
Und warum werden dann überhaupt steife Anbringungen verwendet?
Einerseits war bisher nicht belegt, dass Führgeschirre auf Blindenführhunde die beschriebene Wirkung haben. Andererseits hat eine steife Anbringung des Führbügels einen Vorteil für die Blinde bzw. den Blinden. Denn so werden die Bewegungen des Hundes am unmittelbarsten übertragen und sind leichter nachzuvollziehen.
Was wäre ein Kompromiss für Mensch und Hund?
Bei unseren Versuchen hat sich ein Klettverschluss statt einer steifen Anbringung als gute Alternative erwiesen. Das geht aber nur bei Kurzhaarhunden, weil sich der Klettverschluss sonst im Fell verheddert. Durchaus brauchbar scheinen uns auch Klippverschlüsse.
Im Endeffekt heißt es aber Mensch oder Hund?
So würde ich das nicht ausdrücken. Anhand der von uns gesammelten Daten würden wir gerne ein individuell zusammenstellbares Führgeschirr entwickeln. Das könnte beispielsweise ein Modul-System aus Bügel, Brustgurt, Verbindungsgelenk und Dämpfer sein. Auch an individuell anpassbare Bügellängen sollte man denken, zum Beispiel als Teleskopstangen. Schließlich sind nicht alle Menschen gleich groß. So könnte man die Situation für alle optimieren.
Klingt sehr innovativ. Woran fehlt es?
Für die Umsetzung bräuchten wir einen Partner aus der Wirtschaft. Ohne ein entsprechendes Grundkapital kann man so ein Projekt nicht angehen.
Wenn Sie keinen Partner aus der Wirtschaft finden, wie soll es mit dem Projekt „Blindenführhunde“ weitergehen?
Wir bemühen uns auch um öffentliche Förderungen. Unser Bewegungsmodell ist zwar schon recht weit entwickelt, aber es kann durchaus noch ausgebaut werden.
Gibt es noch andere Möglichkeiten, die gewonnenen Daten zu nutzen?
Ja, beispielsweise in der Physiotherapie. Wir bieten jetzt schon auf der Veterinärmedizinischen Universität Physiotherapie für Hunde an. Aber mit unseren Daten können wir die Behandlungsmethoden für Blindenführhunde deutlich verfeinern.
Tiere behandelt man nicht auf Krankenschein. Zahlen sich solche Therapien wirklich aus?
Wenn man bedenkt, dass ein Blindenführhund in der Anschaffung nicht gerade billig ist, denke ich schon, dass es sich rechnet, in seine Gesundheit zu investieren. Darüber hinaus entwickeln die meisten Menschen zu ihrem Blindenführhund eine starke Bindung und sind froh, wenn er ihnen so lange wie möglich erhalten bleibt.
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