„Wenn man einem Schlag ausweicht, kann es sehr nützlich sein“
Der Neurophysiologe Giacomo Rizzolatti, Entdecker der Spiegelneurone, sprach mit „Forschen & Entdecken“ über die verschiedenen Arten des Verstehens, die Evolution der menschlichen Sprache und seine zukünftigen Forschungen.
Forschen & Entdecken: Als Sie die Spiegelneurone entdeckten, wie fühlten Sie sich da?
Giacomo Rizzolatti: Am Anfang dachten wir, es ist ein Messfehler. Erst mit der Zeit, als sich das Ergebnis wiederholte, wurde uns klar, dass wir etwas Neues entdeckt hatten.
Mittlerweile gelten Spiegelneurone in der Hirnforschung als eine der bedeutendsten Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Warum?
Sie haben eine große Bedeutung für die menschliche Fähigkeit zur Nachahmung. Sie signalisieren uns, welche Bewegung wir gerade beobachten – auf eine Weise, als ob wir selbst diese Bewegung gerade ausführen würden. Für Babys und Kleinkinder, die hauptsächlich durch Imitation lernen, ist dieses „Handlungsverstehen“ sehr wichtig.
Darüber hinaus meinen Sie, dass Spiegelneurone uns helfen, die Absicht unseres Gegenübers zu verstehen.
Wir können nach einem Glas greifen, um daraus zu trinken oder um es ins Regal zu stellen. Je nach Absicht wird die Haltung unserer Hand, die nach dem Glas greift, anders sein. Wenn wir eine Bewegung beobachten, erkennen wir mithilfe der Spiegelneurone, was innerhalb einer Kette von Bewegungen die nächsten sein werden. Das nenne ich „Absichtsverstehen“.
Wie fanden Sie das heraus?
Wir haben in unseren Versuchen mit Affen entdeckt, dass es innerhalb der Gruppe von Spiegelneuronen, die auf eine Greifbewegung reagieren, Untergruppen gibt. Und zwar gibt es solche, die stärker auf das „Greifen, um zum Mund zu führen“ reagieren, und andere, die stärker auf das „Greifen, um wegzustellen“ reagieren.
Ist das eine Art Vorausahnung?
Na ja, es handelt sich nur um eine sehr kurze Zeitspanne. Aber wenn man beispielsweise einem Schlag ausweicht, kann es trotzdem sehr nützlich sein.
Ist bei der Erkennung der Absicht der Kontext nicht viel entscheidender? Wenn man nach einem Glas greift, gibt es schließlich nicht viele Dinge, die man damit machen kann.
Der Zusammenhang hilft natürlich sehr. Aber während zum Beispiel autistische Menschen beinahe zur Gänze vom Kontext abhängig sind, können wir auch anhand der Handstellung erkennen, zu welchem Zweck jemand nach einem Glas greift.
Zusätzlich zu dem „Handlungsverstehen“ und dem „Absichtsverstehen“: Meinen Sie, dass die Spiegelneurone auch ein „emotionales Verstehen“ ermöglichen?
Das reine Verstehen der Bewegungen unseres Gegenübers ist ein kaltes Verstehen. Die Spiegelneurone färben es aber mit einer Emotion ein. Denn durch sie verstehen wir die Bewegungen des Gegenübers von innen heraus, so als ob wir sie selbst ausführen würden. Damit können wir uns besser in die Lage des anderen versetzen, wir können uns einfühlen.
Woraus schließen Sie das?
Zum Beispiel gab es ein Experiment, bei dem man Menschen Fotos von anderen Menschen zeigte, die einen ekelverzerrten Gesichtsausdruck hatten. Das regte in ihnen eine Hirnregion an, die sonst aktiv wird, wenn man selbst etwas Ekelerregendes riecht.
Bezüglich der evolutionären Entwicklung der menschlichen Sprache vertreten Sie eine sehr umstrittene These. Sie meinen, dass die Spiegelneurone dafür ausschlaggebend waren.
Die Frage ist doch, ob sich die menschliche Sprache ursprünglich aus Lauten oder aus Gesten entwickelt hat. Ich glaube, dass Zweiteres der Fall ist. Und zwar aus einem einfachen Grund. Bewegungen sind etwas Fundamentales und allen Menschen gemein. Für Sprache muss man sich auf die Bedeutung eines Wortes einigen. Aber wie soll das gehen? Indem man eine Bewegung macht, diese mit einem Ton begleitet und das oft wiederholt. Aber die Grundlage dieses Einigungsprozesses ist die Bewegung, denn die verstehen alle. Und für das Verständnis von Bewegungen spielen Spiegelneurone nun einmal eine zentrale Rolle.
Was planen Sie für die Zukunft?
Ich habe kürzlich vom European Research Council eine neue Projektförderung bewilligt bekommen, mit der ich meine Forschungen auf Menschen ausdehne.
Wie kann man sich das vorstellen?
Wir arbeiten zusammen mit einem Spital in Mailand. Dort werden Epilepsiepatientinnen und -patienten stationär aufgenommen, denen der Anfallsherd chirurgisch entfernt werden soll. Damit man ihn lokalisiert, werden den Patientinnen und Patienten Elektroden implantiert und sie verbringen üblicherweise mehrere Tage im Krankenhaus. In dieser Zeit können wir – mit ihrer Einwilligung – Tests machen.
Sind sie denn in der Regel damit einverstanden?
(Lacht.) Meist ist es kein Problem. Die Patientinnen und Patienten sind oft junge Menschen und dankbar für jede Abwechslung im Krankenhausalltag.